Sattler-(platz)strasse

Von einem Altstadtfreund erhielten wir am Mittwoch folgene Mail:

“ Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,

mir geht es ja immer (immer!) so, dass ich hinterher viel gescheiter bin als vorher. Drum möchte ich ein paar Gedanken zur gestrigen Veranstaltung zusammentragen, damit andere das mit ihrer Meinung vergleichen können. Ich machs ganz direkt und ins Unreine.

Worum geht es? Um ein Riesenbauprojekt in einem überlaufenen Fleck der Münchner Altstadt, das dort wahrscheinlich drei Jahre lang Durchgang verhindert und die seitlichen Straßen abriegelt. So nicht vergleichbar mit einer Baustelle wie sagen wir Hofstatt, die mehr nach innen gerichtet war. Sondern zu 90% offene Flanke zur Umgebung. 150 Meter lang alles aufgerissen für eine wahrscheinlich 10 Meter tiefe Baugrubenschneise, als erstes zur Schaffung einer Tiefgarage, einem Lieblingsprojekt der tolerierten Autofetischisten. Der Marienplatz wird über diese Zeit flankiert von der Baustelle im Marienhof und der hier besagten – absoluter Irrsinn. Von Stadtpolitikern, die auf ihre Stadt aufpassen sollten, als tolle Aufwertung gepuscht, im Speziellen von Hr. Reissl. Immer drauf, ungeniert klotzen, betrunken von Selbstherrlichkeit und vom Boom der Kommerzgesellschaft. Die Fachleute in den Referaten wagen nicht mehr zu widersprechen.

Die Veranstaltung läßt sich beschäftigen und betrullern mit einer launigen Utopieerzählung eines zamperl- und lederhosenherzeigenden Architekten von Verkehrsberuhigung, Aufenthaltsqualität, vielleicht ein Cafe … halt was München sich schon immer gewünscht hat.

Um den Baustellenterror über 3 Jahre zu rechtfertigen, müßte das erst einmal durch 10 Jahre Paradies kompensiert werden. Nichts davon:

  • die bestehende Platzfläche würde halbiert und zur Schlucht ziwischen dann höheren Gebäuden. Nicht gehirngewaschene Anwohner weisen darauf hin und werden abgespeist. Alles interpretationsfähig und Ansichtssache.
  • für die eigensüchtigen Interessen der Bauherren wird die Situation der Bewohner in den Nebenstraßen massiv verschlechtert. Anwohner sagen das, so wie man das eben vernünftig zu Leuten sagt, von denen man annimmt, dass sie zuhören, und werden abgespeist.
  • in der Bauzeit werden anliegende Geschäfte massiv geschädigt, wenn nicht ruiniert. Kann nur so so sein aber es wird nicht einmal angesprochen; die Kleinen bescheiden sich (was ich nicht verstehe) und können danach jammern.
  • weniger Natur auf dem Areal als jemals seit dem Krieg. Google zeigt noch, wie vergleichsweise grün der Sattlerplatz vor 10 Jahren aussah, bevor die Aufenthaltsqualitätsspezialisten drauf angesetzt wurden und den jetzigen Zustand angerichtet haben.
  • durch den Bau werden gewaltige Mengen an Ressourcen verbraucht und Luft und Umwelt geschädigt. Unverständnis weil falsches Thema. Das interessiert sowieso niemand, das ist etwas, was garnicht hierhin gehört, wenn (jetzt wirds polemisch) gesättigte Münchner Bürger, denen es verdammt gut geht, eine kuschelige, nette Abendveranstaltung besuchen, wo sie über schöne neue Projekte in München plaudern und sich liebhaben wollen. Weil es keine anderen Probleme gibt – für sie.
  • im Haus mit der Post gibt es Unterkünfte für nicht Wohlhabende, die ein Dach über dem Kopf brauchen. Frau Inselkammer wusste nicht einmal wieviele. Es ist ja nur ein Boardinghouse – schmuddelig? So wie das ganze Gebäude mit der Post, das erst 60 Jahre alt ist und von Herrn Dürr (SZ) ohne Nachdenken die diffamierende Pauschal-Einordnung „in die Jahre gekommen“ abkriegt. Wahrscheinlich kommen da jetzt mehr unter als in den Wohnungen, die dann gebaut werden mit imaginären zeitweiligen Übernachtern. Und bei einem Projekt mit solchen Kosten können es nur Pseudo-Luxus-Wohnungen sein. Das läuft als Belebung der Altstadt und Wohnraumschaffung!
  • über die kleinen Nachteile will eine vielzählige Entourage von mitverdienenen Einflüsterern schon gerne noch nachdenken… Ohne Regressanspruch natürlich.
  • es fehlte überhaupt der Gedanke, eine ehrliche Gesamtgegenüberstellung zu machen von Vorteilen und Nachteilen. Weil es ja nur kleine Nachteile geben kann, wenn überlegene, vom Glück, Münchner zu sein, Auserwählte etwas bauen wollen, sich als Großes Schaffende selbst verwirklichen und München beschenken wollen. Welche Hijacker haben da die Münchner Traditions-Bodenständigkeits-Heimat-Geschäftsbesitzerfamilien Hirmer und Inselkammer huckepack genommen?

Und um was geht es überhaupt nicht: Ästhetik, historische Bauweise, irgendwelche Leitlinien, die mal geschrieben wurden um zu retten was noch zu retten ist. Bis jetzt gibt es allein: süße Versprechungen von sich wohlmeinend gebenen Bauherren, die „was machen wollen“ aber in einen Horrorprojekt hineingezogen wurden. Die in ein Korsett von professionellen Ratgebern gespannt sind und die das Weitere gleichgeschalteten Immobilienentwicklern übergeben werden – was die produzieren kann man überall in München sehen. Wer will, schwebe in Träumen, die aber die ganz eigenen bleiben werden.

Da habe ich sicher noch was vergessen. “

Sattlerstraße Panorama, 28. Januar 2018

 

 

 

 

 

 

 

 

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