Abriss in Giesing: Nur die Spitze des Eisbergs

Der Oberbürgermeister, der Generalkonservator, das Planungsreferat und der für Denkmalschutz zuständige Minister: Sie alle haben sich über den Abriss des rund 170 Jahre alten Handwerkerhäuschens in Obergiesing empört, der München buchstäblich erschüttert hat. Von einem „mutmaßlich kriminellen Akt“ ist die Rede, von einem Schock, „mit welcher Dreistigkeit der Denkmalschutz missachtet“ worden sei. „Ein Stück Identität“ sei unwiederbringlich verloren, man werde „mit aller Härte gegen die Verantwortlichen vorgehen“.

Obere Grasstraße 1

Die partei- und behördenübergreifende Empörung ist angebracht. Sie wirft aber auch grundlegende Fragen zu Stellenwert und Glaubwürdigkeit des Denkmalschutzes in München auf. Denn es bedurfte offenbar erst eines so barbarischen Aktes wie in Giesing und des damit einhergehenden großen öffentlichen Aufschreis, um zumindest einigen Verantwortlichen in Politik und Verwaltung endlich ein so unmissverständliches Bekenntnis zum Denkmalschutz abzutrotzen.

Gegenwind aus den Amtsstuben

Seit vielen Jahren mahnen Denkmalschützer und Stadtbildinitiativen ein deutlich stärkeres Engagement für den Schutz des baulichen Erbes in der Landeshauptstadt an. Bei den Verantwortlichen von Stadt und Freistaat haben die Bürgerinnen und Bürger damit bislang keine offenen Türen eingerannt: Die Liste der baulichen Verluste wird länger und länger, die Zerstörung alter Substanz schreitet weiter ungehindert voran. Vom Abriss betroffen sind eingetragene Denkmäler ebenso wie Gebäude, die zwar offiziell keinen Denkmalstatus besitzen, aber das Gesicht und das Gefühl der Stadt und ihrer jeweiligen Viertel entscheidend prägen. Der Generalkonservator nennt sie „Emotionale Denkmäler“ und hat deren Wert erkannt. Besonderen Schutz genießen diese Gebäude dadurch aber nicht.

Zehentbauer-Villa

Von der gründerzeitlichen Häuserzeile über das malerische Künstlerhaus samt Atelier bis hin zum mächtigen Institutsbau: Wo immer sich Bürgerinnen und Bürger in jüngerer Vergangenheit für den Schutz von Gebäuden und Ensembles eingesetzt haben, konnten sie in der Regel nicht auf Unterstützung durch Ministerien, die Stadtspitze, das Landesdenkmalamt oder das Planungsreferat setzen. Im Gegenteil: allzu oft kam der Gegenwind aus den Amtsstuben selbst.

Vorbildfunktion von Stadt und Freistaat

Gerade bei öffentlichen Vorhaben hatten die Altstadtfreunde mehrfach die Vorbildfunktion von Stadt und Freistaat betont – zuletzt beim geplanten Abriss der Tierklinik im Englischen Garten: „Wie soll man den Normalbürger vom Sinn und Nutzen des Denkmalschutzes überzeugen, wenn selbst der Kultusminister im Englischen Garten eines der schönsten Jugendstiltreppenhäuser Münchens abreißt und stattdessen Hunderttausende Kubikmeter Beton in eine der bedeutendsten Parkanlagen der Welt kippt?“, wollten die Altstadtfreunde wissen.

Treppenhaus in der Tierklink, Königinstraße

Längst nicht vergessen das Hin und Her um den geplanten Abriss des knapp 200 Jahre alten städtischen Hauses Müllerstraße 4, das erst nach heftigsten Protesten aus der Bürgerschaft nicht mehr ganz so einsturzgefährdet oder unsanierbar war, wie zunächst behauptet. Das Kommunalreferat wollte an der Stelle des früheren Vorstadthauses einen deutlich größeren Neubau errichten. Gegenüber des jetzt vernichteten Handwerkerhauses in Obergiesing verfällt im Ensemble Feldmüllersiedlung ein Gebäude, das der städtischen GWG gehört. Eine Tafel warnt vor Betreten des einsturzgefährdeten Hauses. In der Meindlstraße fiel erst vor wenigen Jahren das einstöckige, malerische Gebäude des ehemaligen Oktoberfestbauhofs, um langgezogenen, fünfstöckigen städtischen Gebäuderiegeln mit „funktionaler Raffinesse“ Platz zu machen.

Meindlstraße

Noch schlimmer als diese Beispiele selbst sind ihre Nachwirkungen in den Köpfen mancher Bürgerinnen und Bürger: Der Eindruck, dass Privateigentümer gegängelt werden während Stadt und Freistaat den Schutz historischer Bauten nach Belieben für sich und ihre Zwecke interpretieren.

Für gesetzeswidriges oder gar kriminelles Verhalten Einzelner darf man die Entscheidungsträger in Politik und Verwaltung deswegen nicht verantwortlich machen. Aber sie sollten offen und selbstkritisch hinter-fragen, ob eigener, oft stiefmütterlicher Umgang mit denkmalgeschützten oder denkmalwürdigen Gebäuden womöglich einer weiteren Verrohung Vorschub leisten kann.

Der Denkmalschutz in Bayern: Kaputtgespart

Das Landesamt für Denkmalpflege ist nach den Streichungen der vergangenen Jahre personell und finanziell ausgezehrt. So soll zum Beispiel ein einziger Mitarbeiter die Inventarisierung der gesamten Landeshauptstadt München bewältigen und oft binnen kürzester Zeit belastbare Einschätzungen zur Denkmaleigenschaft von ganzen Gebäudekomplexen abgeben. Selbst grobe Fehler kann man dem Amt unter diesen Bedingungen kaum mehr vorwerfen. Es ist wohl auch als Notwehr zu verstehen, dass die Behörde nur noch wenig Ehrgeiz an den Tag legt, um weitere schützenswerte Gebäude in die Denkmalliste aufzunehmen. Wenn selbst der Generalkonservator, wie mehrfach geschehen, betont, dass „in Bayern  nur 1,5% der Gebäude unter Denkmalschutz stehen“ und es „auch nicht mehr sein“ sollten, stellt sich die Frage, ob diese Aussage politischen Vorgaben folgt oder schlichter Überlastung der eigenen Behörde geschuldet ist.

Plinganserstraße

Der Denkmalschutz genießt zwar Verfassungsrang, bleibt aber allzu oft ein zahnloser Tiger. Es müssen ihm endlich auch die notwendigen rechtlichen Instrumente an die Hand gegeben werden, um den Schutz wertvoller Gebäude auf Dauer zu gewährleisten. Gleichzeitig bedarf es zusätzlicher Möglichkeiten, um Denkmaleigentümer noch stärker zu entlasten, wenn sie für die Allgemeinheit wertvollen Bestand sichern und pflegen.

Verwalten statt Gestalten bei der LBK

Die Untere Denkmalschutzbehörde der Landeshauptstadt – unter anderem auch zuständig für Außen-werbungen an Gebäuden im gesamten Stadtgebiet –  verfügt nicht über ausreichend Personal, um ihre wesentlichste Aufgabe angemessen wahrzunehmen. Das daraus resultierende Verwalten statt Gestalten im Bereich des Denkmalschutzes gipfelte zuletzt in einem „Behördlichen Trauerspiel“, wie es die örtliche Presse beim Abriss der Sailerstraße auf den Punkt brachte. Gerade in Fällen, in denen sich die Behörde nicht auf Standpunkte des Landesamts für Denkmalpflege stützen kann, fehlt es ihr außerdem an klarer Haltung und Mut zu eigenständigen Lösungen. Die Scheu davor, neue und eigene Wege zu gehen, ist wohl auch eine Folge mangelnder politischer Rückendeckung. Allzu oft steht daher am Ende eines bürgerschaftlichen Engagements nur ein Achselzucken. Und der Abrissbagger.

Sailerstraße

Gleichzeitig werden vom Planungsreferat vorhandene rechtliche Möglichkeiten, um Denkmäler oder auch deren unmittelbare Umgebung zu schützen, nicht ausreichend ausgeschöpft. Zuletzt ließ die Behörde das Mittel der „Städtebaulichen Erhaltungssatzung“ vom Stadtrat quasi im Vorbeigehen ablehnen. Eine Diskussion und Information des Gremiums über dieses in zahlreichen deutschen Städten erfolgreich angewendete, einfach umzusetzende Instrument des Stadtbildschutzes fand nicht statt.

Konsequenzen ziehen – auf Dauer

Der skandalöse Abriss in Obergiesing hat den Finger in die Wunde gelegt und – um den wohl einzigen positiven Nebeneffekt zu sehen – offenbar auch die Entscheidungsträger bei Stadt und Freistaat erreicht. Es ist gut, dass sie die öffentliche Empörung aufnehmen. Und es ist höchste Zeit, grundlegende Veränderungen anzustoßen. Wenn den Worten aus Politik und Verwaltung jetzt keine Taten folgen, wird sich das abgerissene Handwerkerhäuschen irgendwann lautlos in die lange Liste von Zerstörungen einreihen, die nicht nur das Gesicht, sondern auch das Gefühl unserer Stadt auf Dauer verändern.

(Alle Bilder Altstadtfreunde)

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