„Größer als Stuttgart 21“

Hauptbahnhof Eingang Foto Oktober 2015

Ein neuer Hauptbahnhof für München?

Die Pläne für den neuen Hauptbahnhof in München sind ebenso gigantisch wie umstritten: Nach beinahe jahrzehntelangem Stillstand und mehreren erfolglosen Anläufen soll die Stadt nun doch ein wuchtiges „Terminal“ in Glas und Stahl aus sieben oberirdischen und einem unterirdischen Geschoss bekommen. Der Bahnhof ist ein Milliardenprojekt, „größer als Stuttgart 21“, wie die Bahn stolz betont.

Eine „Shoppingmall mit Gleisanschluss“

Die Entwürfe für den gewaltigen Neubau in Münchens Innenstadt sind – bis auf einen erst kürzlich hinzugekommenen, 75 Meter hohen Turm an der Arnulfstraße – alles andere als neu. Bereits 2006 hatte das Büro Auer Weber den städtebaulichen Wettbewerb für sich entschieden. Die Baukosten für das von Kritikern bereits als „Bürokomplex mit Shoppingmall und Gleisanschluss“ verspottete Gebäude werden schon heute auf etwa eine Milliarde Euro geschätzt. Die Investition soll sich durch die üppig bemessenen Büro-, Handels- und Hotelflächen langfristig rechnen. Höhe, Volumen und Nutzung wurden bereits vor zehn Jahren auch von der Stadt kritisiert. Im Stadtratsbeschluss von 2015 finden die bis heute offenen Fragen allerdings keine Erwähnung mehr.

Aspekte des Denkmalschutzes

Der bauliche Bestand spielt bei den Neuplanungen nahezu keine Rolle – es gilt das Prinzip der freien Fläche. Der denkmalgeschützte  Starnberger Flügelbahnhof soll komplett einer Hochhausbebauung weichen. Für die Bahn als Investor gelte Vertrauensschutz, heißt es von der Stadt, nachdem die Neubaupläne noch älter sind als der Eintrag des neoklassizistischen Gebäudes in die Denkmalliste. Die bis heute erhaltenen, mal deutlich sichtbaren, mal verborgenen Teile des historischen Bürklein-Bahnhofs und der Erweiterungsbauten unter Jakob Graff aus den 1870er/80er Jahren sollen ebenfalls restlos abgeräumt werden. Sie finden in den Neubauplänen keinerlei Berücksichtigung. Damit würden auch die markanten Kopfbauten an der Arnulfstraße und der Bayerstraße zerstört. Die den Bahnhofsplatz prägende, und durch jahrelange Untätigkeit in Mitleidenschaft gezogene Fassade des Hauptgebäudes, die 1955-1960 von Heinrich Gerbl geschaffen wurde, soll komplett verschwinden. Das denkmalgeschützte Plattenrelief über dem heutigen Haupteingang würde ebenso wie die markante schwarze Uhr Verwendung im Neubau finden. Einzig die denkmalgeschützte Gleishalle samt Grundig-Schriftzug bliebe nahezu unverändert. Im eigentlichen Bahnbetrieb würde sich durch den Neubau also kaum etwas ändern. Spürbare Verbesserungen für den Bahnreisenden wie eine zusätzliche Bahnsteigquerung, die Umsteigezeiten verkürzen könnte, sieht das derzeitige Neubau-Konzept nicht vor.

Alles schon beschlossene Sache?

Mit dem Bau des neuen „Terminals“ eng verknüpft ist die Realisierung der zweiten S-Bahn-Stammstrecke. Sie soll in 40 Meter Tiefe in die Erde unter dem Bahnhof betoniert werden. Das gewaltige Zugangsbauwerk, der „Nukleus“, ist direkt an der Stelle der heutigen Empfangshalle vorgesehen. Erst wenn der Nukleus steht, kann darauf ein neues Empfangsgebäude errichtet werden. Die Finanzierung der zweiten Stammstrecke ist derzeit jedoch alles andere als gesichert. Sollte sie platzen, will die Bahn ihr „Terminal“ trotzdem bauen. Schon jetzt regt sich allerdings spürbarer Widerstand in der Stadtgesellschaft.

Gegenwind

Wir, die Altstadtfreunde München setzen sich für eine transparente Bürgerbeteiligung und ergebnisoffene Diskussion über das umstrittene Projekt ein. Sie fordern Lösungen, die auch Aspekte des Denkmalschutzes und die Besonderheiten des Ortes berücksichtigen. Die Initiative AKU lehnt den Entwurf für den Neubaus als „einfallslos und monoton“ ab. Die „Aktion gegen den faulen Zauber“ stellt mit Blick auf den Bestand die Frage „Muss das alles weg“?“ und der Fahrgastverband ProBahn sammelt bereits Unterschriften dafür, dass der neuer Bahnhof dann auch tatsächliche Verbesserungen für die Bahnreisenden mit sich bringt. Der Architekturhistoriker Dr. Winfried Nerdinger, um nur einen prominenten Kritiker herauszugreifen,  forderte bereits 2011 in einem Interview, die „ausgesprochen gute und bedeutsame Architektur“ des heutigen Bahnhofs zu erhalten.

Großbaustelle mit Chaos-Garantie?

Alle geplanten Maßnahmen sollen bei laufendem Betrieb erfolgen. Kritiker befürchten schon heute einen jahrelangen Verkehrsinfarkt in der Innenstadt. Der Bau des mehrere Milliarden teuren Projektes aus Stammstrecke und „Terminal“ könnte sich bis 2030 ziehen. Der dann realisierte Entwurf des „neuen Bahnhofs“ wäre zu diesem Zeitpunkt übrigens schon ein Vierteljahrhundert alt. In dieser Zeitspanne war Münchens erster „Centralbahnhof“ von Friedrich Bürklein bereits mehrfach den neuen Bedürfnissen angepasst worden.

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