„Filetstück“ in der Altstadt wird umgestaltet

„Filetstück“ in der Altstadt wird umgestaltet:  „Bayerische Hausbau schließt Rekonstruktion der Fassade Prannerstraße 4 nicht aus“

Im Jahr 2011 hat die Bayerische Hausbau das repräsentative Ensemble zwischen Kardinal-Faulhaber-Straße, Prannerstraße und Salvatorstraße übernommen. Ab etwa Ende 2015, nach dem Auszug des derzeitigen Mieters Unicredit/Hypovereinsbank, soll es aufwendig umgebaut und umgestaltet werden. Neben einem Hotel der Luxusklasse im ehemaligen Gebäude der Bayerischen Staatsbank (heute noch Zentrale der Unicredit HVB) sollen auch Wohnungen und eine Tiefgarage auf dem Areal entstehen. Im Rahmen einer Informationsveranstaltung am 9.Oktober haben Bayerische Hausbau und Landeshauptstadt über das Vorhaben informiert.

Die denkmalgeschützten Bereiche bleiben nach Aussage der BH allesamt unangetastet: speziell das Palais Neuhaus-Preysing in der Prannerstraße und die Fassaden des (erst vor wenigen Jahren nahezu völlig entkernten und modernisierten) Gebäudes der ehemaligen Bayerischen Staatsbank werden erhalten. Auch an der Salavatorstraße bleibt äußerlich – bis auf ein kleines Stück historisierender Nachkriegsfassade – alles wie gehabt. Für die Prannerstraße 4 hingegen ist ein Abriss vorgesehen. Der massive Block aus Fertigbetonteilen direkt neben dem Palais Neuhaus-Preysing wird verschwinden. Damit ergibt sich erstmals seit Jahrzehnten die Chance, die mit weitem Abstand tiefste Wunde im Ensemble Prannerstraße zu schließen.

Ein „internationaler Architektenwettbewerb“ soll eine qualitätvolle Neubebauung garantieren. Dabei werden den bereits ausgewählten Teilnehmern nach Aussage von Dr. Jürgen Büllesbach (Vorsitzender der Geschäftsführung der Bayerischen Hausbau) im Interesse unvoreingenommener Kreativität „so wenige Vorgaben wie möglich“ gemacht – wobei Stadtdirektorin Susanne Ritter ergänzte, dass keine „Balkone hin zur Prannerstraße vorgesehen sind“ oder sonstige Anbauten bzw. Erker in den öffentlichen Raum hineinragen sollen.

Die Vorkriegs-Bebauung des Anwesens Prannerstraße 4 (früher Prannerstr. 24) wurde in den Vorträgen zunächst überhaupt nicht thematisiert, auch nicht von Dr. Harald Gieß, der als Vertreter des Landesamtes für Denkmalschutz auf dem Podium saß und der auch in der Jury des Architektenwettbewerbs vertreten sein wird. Das Hiltl-Haus mit seiner klassizistischen Fassade und den beiden einmaligen Figurenfriesen Ludwig von Schwanthalers schien also zunächst in den Planungen keine Rolle zu spielen. Dr. Jürgen Büllesbach äußerte sich aber auf Rückfrage der Altstadtfreunde, ob eine Rekonstruktion dieser Fassade zur Prannerstraße eine ernsthafte Option ist: Nicht nur die Leute auf der Straße würden das sicher begrüßen, sondern auch er selbst „würde das nicht ausschließen“, sagte er. Stadtdirektorin Susanne Ritter betonte ebenso, dass der „Wettbewerb eine Rekonstruktion nicht ausschließt“.

Prannerstraße

Prannerstraße

© Bildarchiv Foto Marburg

Fassade Prannerstraße

Fassade Prannerstraße

© Bildarchiv Foto Marburg

Allerdings wird – das lassen alle anderen Aussagen vermuten- die Rekonstruktion der Fassade und damit die Reparatur des historischen Erscheinungsbildes der Prannerstraße offenbar auch nicht als ausdrücklicher Wunsch an die Teilnehmer des Wettbewerbs formuliert. Es wurde im Rahmen der Info-Veranstaltung auch nicht bekannt, ob die Auswahl der Teilnehmer den Aspekt „Rekonstruktion“ in irgendeiner Form berücksichtigt hat. Das Beispiel Hotel Königshof, das auch an diesem Infoabend mehrfach kritische Erwähnung fand, macht deutlich, wie sehr sich eine zu eng gefasste Vorauswahl auf die Wettbewerbsergebnisse auswirken kann.

Als durchweg positives Ergebnis des Informationsabends lässt sich die Zusage der LBK verbuchen, sich auf die Suche nach eventuell noch vorhandenen Plänen und Fragmenten der Originalfassade und der Schwanthaler-Figurenfriese zu machen. Ein Auffinden würde die Wahrscheinlichkeit einer Rekonstruktion sicher deutlich erhöhen.

Auf Denkmalschützer Dr. Gieß, der auf dem Podium keine Aussagen über das Hiltl-Haus oder den möglichen Verbleib der Schwanthaler-Friese treffen konnte und das auch nicht als seine „Aufgabe“ sah, werden die Befürworter einer Rekonstruktion allerdings nicht setzen können. Der machte im direkten Gespräch nach Veranstaltungsende deutlich (deutlicher als er dies zuvor auf dem Podium getan hatte), dass er eine Rekonstruktion ablehnen wird: „Meine Stimme haben Sie nicht!“. Seine Vorbehalte gelten der „anderen Materialität“ einer Rekonstruktion. Das Palais Neuhaus-Preysing, das Erwin Schleich in den 50er Jahren bewahren und in weiten Teilen neu entstehen lassen konnte, hält Dr. Gieß hingegen für schützenswert – trotz oder gerade wegen der anderen Materialität aus Zeiten des Wiederaufbaus.

Nach Ende der offiziellen Veranstaltung stellte sich Dr. Büllesbach noch persönlich den Fragen einzelner Besucher:„Wenn´s nach mir ginge, sofort! Sowas verkaufe ich bestens“, meinte er mit Blick auf eine von den Altstadtfreunden vorgelegte Vorkriegs-Aufnahme des Hiltl-Hauses und leitete selbst zur „Schuhschachtel-Diskussion“ über: Wenn man ihn ließe, würde er „auch lieber ganz anders bauen“. Außerdem sei „die Rekonstruktion in Deutschland“ mittlerweile tatsächlich „enttabuisiert“

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